Auch in digitalen Zeiten dokumentieren viele Unternehmen ihre Anforderungen noch in Word. Wenig überraschend: das Allzweck-Tool von Microsoft ist bekannt und auf fast jedem Schreibtisch-PC installiert. Was läge also näher, eine Requirements Engineering Software direkt als Erweiterung der verbreiteten Office Software zu konzipieren. Diesen Gedanken hatten ebenfalls die Gründer der OSSENO Software GmbH als sie 2015 ihr Tool ReqSuite auf den Markt brachten. Seit ihrer ersten Veröffentlichung integriert sich die Requirements Engineering Lösung nahtlos mit Microsoft Word. Darüber hinaus bietet die Software einen webbasierten User-Client zum Word-unabhängigen Management von Anforderungen. Im mosaiic Impuls stellen wir Ihnen ReqSuite vor und zeigen wo die Software punktet bzw. wo Verbesserungspotentiale bestehen.

Requirements Engineering mit ReqSuite

ReqSuite ist eine cloud-basierte Anforderungsmanagement-Software die sich voll und ganz auf Ihre Anforderungserhebung, -dokumentation und Verwaltung konzentriert. Hinter dem Tool steht das Rheinland-Pfälzische Entwicklungshaus OSSENO Software GmbH. 2015 als Ausgründung des Fraunhofer Instituts IESE gegründet, treibt das Unternehmen eine zentrale Vision an: analog einem PKW-Navigationssystem soll die Software beim Dokumentieren und Managen von Anforderungen Orientierung geben. Als Nutzer geben Sie das Ziel(-system) ein und lenken den (Projekt-)Wagen – die Routenberechnung und Führung übernimmt das Requirements Engineering Tool.

Technisch fußt ReqSuite auf Microsoft .NET und ist mittels einer 3-tier Architektur realisisiert. Das System-Backend läuft auf einer Microsoft Azure Cloud in einem Rechenzentrum in Westeuropa. Alternativ lässt sich das System ab 10 Nutzerlizenzen auch auf Ihrer Infrastruktur innerhalb der Firmenmauern – daher on premises – installieren. Als nativer Zugang dienen Ihnen entweder das Microsoft Word Addin oder der ReqSuite-Web Client. OSSENO entwickelt seine Cloud-Software kontinuierlich weiter. Im 3-Monatsrhythmus stellt der Hersteller aus Kaiserslautern neue Funktionserweiterungen und Patches zur Verfügung.

Sie können ReqSuite-Nutzungslizenzen ausschließlich als Abonnementmodell beziehen. Pro Nutzer und Monat belaufen sich die Mietkosten auf 50 Euro. Bei zusätzlichen Nutzern gewährt OSSENO Ihnen Mengenrabatte. In Ergänzung können Sie Vorlagen für den Requirements Engineering Prozess erwerben, beispielsweise für die Lastenhefterstellung oder das Requirements Management. Die Kosten für diese Beispielkonfigurationen bewegen sich zwischen 50-100 Euro. Bei Interesse können Sie das Tool gegen Abgabe Ihrer Kontaktdaten für 30 Tage kostenfrei testen.

Im Dialog mit dem Hersteller haben wir ReqSuite in der Version 2.2 genauer auf den Zahn gefühlt. Nachfolgend die Stärken und Schwächen aus unserer Sicht.

Pros

  • ReqSuite gibt Orientierung im Requirements Engineering: Als zentrales Element der Software führt Sie der konfigurierbare ‘Process Guide’ durch den Anforderungsmanagementprozess. Mit Hilfe von Erklärungen und Beschreibungsvorlagen werden Sie aufgefordert, Requirements Engineering Informationen wie zum Beispiel Projektbeschreibung, Ziele, Geschäftsprozesse, Use Cases und Funktionen zu erfassen. Generelle geht das Tool Top-Down, daher vom Groben ins Feine, vor.
  • ReqSuite sorgt für Nachverfolgbarkeit: Mittels des Process Guides verknüpft das System die unterschiedlichen Elemente wie Funktionen und Use Cases automatisch miteinander. Darstellungen wie Traceability Matrizen und Tabellen helfen Ihnen die Übersicht über die Beziehungen zwischen Anforderungen sowie vor- und nachgelagerten Artefakten zu behalten.
  • ReqSuite bietet verschiedene Schnittstellen: Das Tool besitzt Schnittstellen zu Atlassian JIRA sowie Microsoft Team Foundation Server. Import und Export erfolgt im Format ReqIF, Excel und ZIP. Ausgetauscht werden sowohl die statischen (z.B. generelle Einführungssätze, generische Beschreibungen) als auch die dynamischen (z.B. Anforderungstexte) Inhalte. Das ReqSuite Addin unterstützt Microsoft Word 2010 bis 2016, laut Herstellerangaben auch alle zukünftigen Office Versionen.
  • ReqSuite unterstützt die Versionierung: Automatisch vergibt das Tool im sogenannten ‘Content Manager’ IDs für Anforderungen, Ziele, Prozesse, etc.. Auf Wunsch können Sie einen Anforderungsstand als Baseline definieren und diesen einfrieren. Jede Änderung an einer Anforderung protokolliert die Software fleißig in einer Historie mit.
  • ReqSuite lässt sich umfangreich konfigurieren: ReqSuite erlaubt das Zuschneiden auf Ihre Requirements Engineering Prozesse. Dazu erarbeiten Sie zunächst die Aktivitäten, Ergebnistypen, Rollen und Beziehungen Ihres Anforderungsmanagements. Das resultierende Datenmodell und Beschreibungsvorlagen übernehmen Sie anschließend ins Tool. Fortan führt Sie der Process Guide durch Ihren individuellen Requirements Engineering Prozess.
  • ReqSuite bietet Qualitätssicherungsfunktionen: Auf Wunsch führt das Tool eine Vollständigkeitsprüfung auf Grundlage von definierten Regeln durch. Beispielsweise zeigt die Software an, falls zu einem Prozess noch keine Use Cases existieren.
  • ReqSuite unterstützt die Zusammenarbeit: Ein weiterer wichtiger Aspekt von ReqSuite sind die Verantwortlichkeiten. So können Sie zum Beispiel Geschäftsprozesse oder Anforderungen mit verantwortlichen Personen versehen. Falls diese Person dann mit dem Werkzeug arbeitet, wird Sie vom Process Guide zu diesen Arbeitsschwerpunkten geführt bzw. vom integrierten ‘Task Pane’ auf die offenen Aufgaben hingewiesen.

Cons

  • ReqSuite kann nicht modellieren: Mit ReqSuite können Sie Anforderungen textuell erfassen, auf Wunsch auch mit Hilfe von Satzschablonen. Nicht möglich hingegen ist das graphische Modellieren. Als kleiner Trost können Sie Diagramme, Grafiken und Modelle als Bilddateien hochladen und mit ihren Anforderungen verknüpfen.
  • ReqSuite hält seine Daten in der Cloud: Sofern Sie ReqSuite als Software-as-a-Service Angebot nutzen wollen, lagern ihre Daten auf Micorosoft Servern in Westeuropa (Irland/Niederlande). Gerade weil es sich bei Anforderungen um interne (bzw. teilweise auch vertrauliche) Unternehmensinformationen handelt, sollten Sie aus Datenschutzgesichtspunkten prüfen, inwieweit eine solche Architektur für Sie das Richtige ist.
  • ReqSuite erfordert Konfiguration: Das Tool offeriert ein generelles Daten- und Vorgehensmodell und kann zusätzlich mit Beispielkonfigurationen erweitert und auf Ihre Bedarfe zugeschnitten werden. Klassisch Entwicklungsansätze wie den Rational Unified Prozess, das V-Modell oder den agilen Entwicklungsrahmen SCRUM werden nicht out of the box angeboten und müssen durch Sie erst in Eigenregie definiert werden.

Methode

Die Grundlage unserer Tool-Untersuchung bildet ein strukturierter Analysebogen. Auf Basis von 66 Fragen aus 6 verschiedenen Kategorien evaluierten wir im Dialog mit dem Tool-Hersteller die Fähigkeiten und Eigenschaften seiner Requirements Engineering Software. Zudem sichteten wir weiteres verfügbares Begleitmaterial wie Softwaredokumentationen, Online Videos oder Webinar-Mitschnitte.

Neben generellen Werkzeug- und Betriebsaspekten wie Schnittstellen, Softwarearchitektur und Lizenzierung untersuchten wir spezifische Aufgaben und Bedarfe aus der Disziplin des Anforderungsmanagements. Den fachlichen Rahmen spannte dabei das International Requirements Engineering Board mit seiner umfassenden Dokumentation auf.

Fazit

Bei unserer Analyse waren wir beeindruckt, welches Produkt OSSENA in nur zwei Jahren Entwicklungszeit auf die Beine gestellt hat. ReqSuite geht exakt auf die Bedarfe eines modernen Requirements Engineerings ein. Kein Wunder, stehen hinter der Software drei Geschäftsführer, die sich seit über 10 Jahren intensiv mit der Disziplin des Anforderungsmanagements beschäftigen.

Wir sind gespannt, was Folgeversionen der Software bringen werden. Zum Zeitpunkt der Untersuchung im September 2017 kündigte uns der Hersteller umfassende Reporting-Features an.

Requirements Engineering Tool Survey Fact Sheet
Sie planen Requirements Engineering mit ReqSuite umzusetzen? Informieren Sie sich detailliert über die Vor- und Nachteile dieser Softwarelösung. Laden Sie sich dazu das 12-seitige Fact Sheet herunter.

// Analyse: Tobias Smuda, Text: Dr. Christopher Schulz